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WAS WAR - WAS IST - WAS WÄRE WENN
Dienstag, 05.07.2011 20 Uhr
KAFIC, Café der GfzK Leipzig zu Gast: Andres Veiel, Berlin |
Bei jeder Idee stellt sich die Frage, ob und mit wem man sie realisieren kann. Film ist da keine Ausnahme. Im Gegenteil: wie keine andere kreative Arbeit ist man bei Filmprojekten auf engagierte Zusammenhänge angewiesen - sei es, um eigene, spezielle Fähigkeiten in die Projekte anderer einbringen zu können oder um selbst als Autor eigene Projekte zu verwirklichen. Kameraleute, Cutter, Produzenten, Regisseure oder Drehbuchautoren mit eigener Handschrift zu finden, ist um so schwieriger, je kleiner die Stadt ist, in der man lebt und arbeitet. Leipzig zum Beispiel: einerseits gibt es hier ein international renommiertes Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, dass auf eine sehr spannende und wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. Andererseits exisitiert in dieser Stadt keine Tradition im Bereich Filmproduktion. Eine funktionierende Szene ist auch nach der Wende 1989 nicht entstanden. Will man Filme machen und lebt in einer Stadt wie Leipzig, steht man vor einer pragmatischen Entscheidung: hierbleiben oder besser nach Köln, München, Hamburg oder Berlin gehen? Ich erinnere mich gut an einen überraschenden Anruf von Christoph Hochhäusler im Jahr 2000. Er und vier weitere Studenten der Münchner Filmhochschule waren im März 1999 zu Gast bei Fernsehen macht schön gewesen, um ihre Filmzeitschrift Revolver in Leipzig vorzustellen. Damals war gerade die zweite Ausgabe erschienen. Ein unvergesslicher Abend: wir sahen Filme, diskutierten über ihr Heft und fühlten eine Verwandschaft zwischen unseren Projekten. Out of the blue rief mich Christoph ein reichliches Jahr später an und sagte, er, Benjamin Heisenberg und einige andere würden nach Berlin gehen. Er fragte, ob wir nicht mitkommen würden. In Berlin wäre vieles möglich. Man könnte einen gemeinsamen Ansatz wagen, neue Filme machen. Ich erinnere mich so gut an das Gespräch, weil ich damals vollkommen überrascht war darüber, dass den Münchnern ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen, wie uns in Leipzig. Ich habe damals sehr intensiv über Christophs Idee nachgedacht. Aber natürlich hat es auch einen besonderen Reiz, in einer Stadt zu arbeiten, die noch nicht die notwendigen Voraussetzungen bietet. Dann, so meine Überzeugung, ist es jedoch notwendig, einen Teil seiner Energie abzugeben und in Networking und Entwicklungsarbeit zu investieren. So habe ich für mich Fernsehen macht schön immer verstanden: gemeinsam mit einem Freund rief ich es im Januar 1999 ins Leben, um Leute nach Leipzig einzuladen, die ihre Filme zeigen und ihre Arbeitsansätze zur Diskussion stellen. Ein kontinuierliches Forum - so unsere Idee - schafft einen theoretischen Reflexionsraum, aus dem sich nach und nach auch praktische Ansätze entwickeln. Die anfänglichen Erfolge machten uns Mut: In die Veranstaltungsreihe und den Verein, der im Sommer 2000 aus der Initiative hervorging, brachten fast zwanzig Mitstreiter ihre Energie und Kreativität ein. Seit 2001 gelang es Fernsehen macht schön, neben den kontinuierlichen Shows im Ilses Erika auch eine Veranstaltung im Rahmen des Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilms zu etablieren. Die Idee des Shockin' Local Short Night Shuffle: gibt man kleinen, lokalen Produktionen ein großes Forum, verändern sich mit der Zeit auch die qualitativen Maßstäbe. Doch gerade diese, gemessen am öffentlichen Interesse und Publikumszuspruch so erfolgreiche Veranstaltung wurde für uns zu einem Indikator für die festgefahrene Situation der regionalen Nachwuchsentwicklung. Allein durch ein verlockendes Auswertungsforum ließ sich dieses Problem nicht lösen: Über fünf Jahre blieb die Qualität der Filme nahezu unverändert. Eine schmerzliche Erfahrung: Auch eine Veranstaltung, die Jahr für Jahr 800 Zuschauern in den größten Kinosaal der Stadt zieht, kann letzten Endes erfolglos bleiben. 2003 war Fernsehen macht schön für mich an einem Wendepunkt angelangt: Meine persönlichen Ansprüche wirkten nicht mehr motivierend auf die Gruppe, sondern blockierten sie. Der Verein war gefangen in der Rolle eines Veranstalters. Eine interne Entwicklung hin zu einem praktisch arbeitetenden Filmkollektiv war unmöglich. Im Frühjahr 2004 zog ich daraus die persönliche Konsequenz und verließ die Gruppe. Wenn sich meine eigenen Ziele bis hierher auch nicht erfüllt hatten: Die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe blieb mir ein persönliches Anliegen. Leipzig brauchte dieses Forum, ganz gleich, wer es organisierte. Die Gruppe wollte Fernsehen macht schön weiterführen. Deshalb sollte sie auch alle von mir eingebrachten Assets uneingeschränkt weiternutzen können. So setzte der Verein seine Arbeit fort, organisierte zwei weitere Short Night Shuffle im Rahmen des Festivals und eine Reihe weiterer Veranstaltungen im Ilses Erika. Im Herbst 2006 gab der Verein Fernsehen macht schön e.V. seine Auflösung bekannt. Mit dem Ende des Vereins stellte sich für mich die alte Frage neu: war Ende 2006 eine Veranstaltungsreihe wie Fernsehen macht schön noch notwendig? Viel hatte sich inzwischen in Leipzig verändert. Doch das grundlegende Problem, das uns im Januar 1999 motivierte, die Veranstaltungsreihe ins Leben zu rufen, bestand noch immer: kaum Fachkräfte, keine Nachwuchsförderung, unzureichende Auswertungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Es gibt eine strukturelle Lücke zwischen ambitioniertem Nachwuchs und einer, auf TV-Produktionen spezialisierten Professionalität. Diese Lücke läßt sich schließen: doch dazu bedarf es politischer Weichenstellungen und der gemeinsamen Anstrengungen aller daran interessierten Parteien. Christoph, Benjamin und viele andere gingen im Laufe der letzten Jahre tatsächlich nach Berlin. Sicher war es für sie der richtige Weg. Ich habe mich für Leipzig entschieden. Doch ganz sicher: ich kann mich nicht nur um eigene Projekte kümmern und auf die notwendigen politischen Entscheidungen warten. Wahrscheinlich würde ich nach und nach resignieren und eine polemische Haltung gegenüber mir selbst und den strukturellen Unzulänglichkeiten entwickeln. Hierzubleiben bedeutet, einen Teil der eigenen Energie zu investieren: in Networking und Entwicklungsarbeit. Deshalb entschloss ich mich, das 1999 gegründete Forum nicht sterben zu lassen, sondern in neuer Gestalt weiterführen. Fernsehen macht schön - zweite Staffel Ich möchte den Neuanfang nutzen, um dieses Forum neu auszurichten und - in Reaktion auf die ausgebliebenen Erfolge der vergangenen Jahre - um praktischere Aspekte erweitern. Drei unterschiedliche Veranstaltungsrubriken werde von nun an im monatlichen Turnus stattfinden: In der Rubrik [workshop] steht die Vermittlung von filmischen Know How und Wissen im Vordergrund. Dazu werden Dozenten nach Leipzig eingeladen, die Vorträge halten und praktische Workshops anbieten. Die Rubrik [regards] ist als unmoderierte Diskussionsplattform für ausgewählte Filme konzipiert. Diese Filme werden von verschiedenen Interessenten vorgeschlagen und auf ihre künstlerischen und produktionspraktischen Aspekte hin analysiert. Die Rubrik [cinespacio] setzt die Tradition der klassischen Werkstattgespräche von Fernsehen macht schön fort. Der Schwerpunkt verlagert sich jedoch von Regisseuren auf Kameraleute, Cutter, Dramaturgen und Drehbuchautoren, weil sich so spezifischere Einblicke in die Arbeit mit Film gewinnen lassen. Dieses konzeptionelle Essay kann weder die angesprochene Lücke schließen noch eine Filmschule ersetzen. Allenfalls wächst es als ein Forum, das bereichert, anregt und zu eigenem Engagement animiert. Für mich persönlich ist dies die einzige Möglichkeit in Leipzig. Die einzige Alternative zu Christophs Weg. Carsten Möller |